Montag, 10. April 2017

WTB - Tag 11: Lesung Carla Grün



Mit dieser Lesung zeigen wir euch eine besonders vielseitige Autorin. CARLA GRÜNIhre Geschichten sind zuckersüß, humorvoll, erotisch, aber auch mal herzberührend tragisch. Um euch einen umfassenderen Eindruck zu bieten, haben wir zusätzlich zur Lesung auch eine kleine Leseprobe für euch!



Tii und Ana's kleine Bücherwelt zeigen euch heute Carla Grün's Buch "Splitter..faser..süß!"
Abendsternchens bunte Welt erzählt euch in einem Autoreninterview mehr über Carla Grün!

Viel Spaß mit der Video-Lesung und der nachfolgenden Leseprobe von Carla Grün's "Nochmal hoppla?"


video


"Nochmal hoppla?" von Carla Grün

Nochmal Hoppla?
Hoppla! Was war das denn? Hoppla sagte auch Onkel Werner, der an meinem Hochzeitstag ins Kuchenbuffet fiel. Mein Geliebter, Patrik, lachte aus vollem Halse, als ich ihm später von Onkel Werners ungeschicktem <Hoppla> berichtete. Patrik nahm sich noch ein paar Trauben und warf sie in hohem Bogen in seinen Mund, ein paar landeten im Gras hinter ihm. Ich liebe Patriks Lachen, es dröhnt aus seinem Bauch heraus und lässt mein Herz höher schlagen, sein Adamsapfel bewegt sich dabei. Ich möchte immer hinfassen, ihn berühren, ich kann sowieso kaum die Finger von ihm lassen. Es hat sich all die Jahre kein bisschen vermindert.

Im gleichen Jahr, in dem ich Micha heiratete, wirklich aus Liebe, trat auch mein geliebter Patrik vor den Traualtar mit seiner Simone. Ich mochte Simone noch nie leiden, sie hat meinen Patrik nicht verdient. Ja, meinen. Das ist ein Possessivpronomen und impliziert eindeutigen Besitz. Es ist nicht nur, dass sie ein gekünsteltes Lachen hat, auch als Mutter ist sie eine komplette Null, meiner Meinung nach. Patrik lässt jedoch kein schlechtes Wort an ihr, wenn wir uns unterhalten. Überhaupt reden wir kaum über unsere Ehepartner, es ist ein unausgesprochenes Abkommen. Mit meinem Micha führe ich eine gute Ehe. Doch als Patrik und ich einmal ein Wochenende zusammen, heimlich natürlich, beide mit guten Alibis versorgt, in die Berge zum Wandern gefahren waren, nahm er auf der Rückfahrt im Auto meine Hand und sagte: „Wir wären ein gutes Paar gewesen.“
Ich nickte nur und schaute aus dem Seitenfenster. Er sollte meine Tränen nicht sehen.
Eines Tages sagte er am Telefon: „Kannst du dich noch an den Baggersee erinnern?“
Natürlich konnte ich! Was für eine Nacht! Wir waren jung damals, unbeschwert und voller Träume, beide eigentlich fest liiert, und beide in den grundanständigen Tugenden von Gut und Böse, von Richtig und Falsch verwurzelt. Eigentlich.




Patrik schlug vor, noch einmal alle Plätze von damals aufzusuchen, gemeinsam
versteht sich, sozusagen als Revival alter Zeiten. Geniale Idee! Mir fiel als erstes das
schöne Wellness Hotel ein, in das wir uns vor vielen Jahren für eine Nacht
eingebucht hatten. Ich war damals mit Sophie schwanger gewesen und Patrik
jettete ständig in der Welt herum, wir waren beide erholungsreif. Da schwammen
wir als einzige Hotelgäste im dem türkisbeleuchteten Pool, ich schwebte
schwerelos mit meinem Babybauch im Wasser und Patrik massierte meinen
verspannten Nacken. Ach, und das Bett im Hotelzimmer war groß und weich. Oh ja,
in das Hotel würde ich mit ihm gerne noch einmal gehen.
Vor ein paar Jahren, als es Patrik nicht gut ging, seine Mutter war gestorben, hatte
ich Karten für die Oper besorgt. Ich war mir sicher, dass er nicht reden wollte und
ihm die Musik gut tun würde. Verstohlen schaute ich ihn von der Seite im Dunkeln
an und sah, dass sich die Züge um seinen Mund entspannten. Puccinis imposante
Musik hatte tatsächlich bewirkt, dass Patrik an etwas anderes dachte. Er legte seine
Hand auf meinen Schoß. Und als Tosca dann vor lauter Liebe die höchsten Töne
sang, blutete auch mein Herz. An jenem Abend, nach 26 Jahren, sagte Patrik mir
zum ersten Mal, dass er mich liebte. Aber ich wusste es bereits all die Jahre vorher.
Nur weiß er bis heute nicht, dass ich ihn noch viel, viel, viel, viel mehr liebe, als er
mich.

So planten wir also, dass wir die Orte unserer heimlichen Liebe noch einmal
abklappern würden.
Der Treffpunkt für das erste Revival-Date war ein Waldparkplatz. Ein altes Herz
kann auch wegen einer alten Liebe hüpfen. Patrik umarmte und küsste mich. Mir
war egal, dass das Wetter nicht gerade einladend war und ich eine dicke Jacke
vergessen hatte, alles egal. Sein Kuss ließ mich warm werden, ich spürte mich
leben, in seinen Armen war ich glücklich. Die Holztritte zum Hochsitz
hinaufzuklettern, war anstrengend, wir gingen beide schon auf die Fünfzig zu und
waren nicht mehr so flott wie früher. Wir machten es uns dort oben so richtig
gemütlich.




Patrik legte eine Decke um meine Schultern und Prost, wir stießen mit
Rotwein auf unsere heimliche Liebe an. Ach, wir fanden das herrlich. Alles war
herrlich. Diese Aussicht auf die Lichtung vor uns, der pladdernde Regen auf das
Dach, der Rotwein aus Italien sowieso, und uns fanden wir herrlich.
Nur der Revierförster, der uns da oben entdeckte, fand das alles andere als
herrlich. Das wäre unerlaubtes Betreten fremden Geländes, wetterte er, kletterte
erbost die Stufen zu uns hoch und quetschte sich noch auf die kleine Plattform
dazu.
Es war jetzt ziemlich eng auf dem Hochsitz. Patrik, der betont lässig seinen Rotwein
trank, ich, unsere Picknicktasche und der aufgebrachte Förster, dessen Hintern
über das Holzgeländer hinausragte. Ich versuchte, dem Förster, der übrigens
ziemlich hässliche Hasenzähne hatte, zu erklären, dass wir hier ein romantisches
Stelldichein hätten, weil wir uns so selten sehen könnten.
„Da kann doch ich nichts dafür!“, rief der wütende Förster, gestikulierte wild und
moserte: „Könnt´ ja jeder daherkommen und hier sonstwas machen!“
„Wir machen nicht sonstwas, wir trinken gepflegt Rotwein“, konterte Patrik ruhig.
Der Förster fuchtelte in der Luft herum und rief: „Gepflegt oder nicht, gar nichts
haben Sie hier verloren!“
Und dann, ich hielt die Luft an, hörten wir ein Knacken und ziemlich lautlos –
schwupp – war er weg, der wütende Förster.
Der Aufprall unten klang gedämpft durch den weichen Waldboden.
Hoppla, was war das denn? Mit dem Förster war auch das Holzgeländer
verschwunden.
Entsetzt schaute ich meinen Geliebten an. „Ui.“
„Da kann ich jetzt auch nix dafür“, sagte Patrik und gurgelte den köstlichen
Rotwein.

Ich hastete hinunter und schaute nach dem Förster, dessen Körper ganz verdreht
im Farn lag. Trotz der Dunkelheit war mir sofort klar, dass man da nichts mehr
machen konnte. Patrik stellte sich mit der Picknicktasche in der Hand neben mich.
„Komm. Es ist besser, wenn uns hier niemand sieht.“
Da war ich seiner Meinung. Patrik sieht nicht nur toll aus, er ist auch schlau.
Das nächste Treffen im Jahr darauf plante ich wieder. Es war ein hektisches Jahr in
unseren jeweiligen Familien gewesen, Patrik hatte mit immens viel Zeitaufwand
Karriere gemacht, in meiner Familie zog bereits meine erste Tochter Sophie aus.
Das Leben ist so kurz. Ich könnte noch mehr Hobbies haben, öfter Sport treiben
und mehr Zeit im Garten verbringen. Aber Zeit ist so begrenzt. Die Jahre vergehen
und meine Sehnsucht nach meinem Geliebten wird niemals gestillt werden. Wir
werden nie ein Paar sein und doch sind wir eins im Herzen. Man kann nicht einfach
wie in einem Roman alles hinschmeißen und neu anfangen. Wir können es nicht.
Und doch zerreißt es uns das Herz, wenn wir uns verabschieden. Patrik ist dann
immer ganz still und presst seine Lippen aufeinander, ich drehe mich immer noch
einmal um, renne wieder zurück, noch ein letzter Kuss, noch ein allerletzter bis zum
nächsten Mal.

Als er vor ein paar Jahren nach einem Autounfall von seiner Frau im Krankenhaus
liebevoll gepflegt wurde und tagelang ans Bett gefesselt war, rief er mich eines
Abends an und sagte: „Ich habe viel nachgedacht. Sag bitte nichts, gib mir nur eine
kurze Antwort.“
Ich nickte, obwohl er das natürlich nicht sehen konnte.
„Wenn damals alles anders gekommen wäre. Wärest du gerne meine Frau
gewesen?“
Ich schluckte, schloss die Augen und sagte: „Ja.“
Er legte wortlos auf.
Im Sommer darauf trafen wir uns an dem Baggersee, wo wir vor zweiundzwanzig
Jahren schon einmal eine Nacht verbracht hatten. Dieses Mal sprangen wir nicht
nackt ins Wasser sondern ruderten hinaus.
„Früher war das Ufer nicht so zu gewuchert.“
„Früher gab es er hier auch noch keinen Anglerverein.“
Patrik legte die Ruder hoch und ließ unser Boot auf der Mitte des Sees treiben.
„Angeln“, sagte er abfällig, „ist langweilig.“
Ich packte Vanilletörtchen aus und öffnete einen Sekt. Mein Liebster drehte sich
um und legte seinen Kopf in meinen Schoß.
„Herrlich“, seufzte er.
Die Sonne war schon untergegangen, die ersten Mücken tanzten über das Wasser.
Ich liebkoste meinen Geliebten, er brummte vor Genuss und forderte einen Kuss.
Das Wasser plätscherte und die Welt um uns herum war einerlei.
„He, Sie da!“
Wir hatten den Angler im Boot überhaupt nicht bemerkt.
„Das Boot gehört dem Anglerverein!“
Dass jetzt außer uns niemand dieses Boot brauchen würde, ließ der Mann nicht
gelten. Er versaute Patrik und mit den herrlichen Abend, und Patrik war genervt.
Ich versuchte, in diesem Streit zu schlichten. Aber die Drohung des Anglers, er
würde gleich die Polizei holen, trieb Patriks Wut noch auf die Spitze. Er griff in
dessen Angel, unser Boot schwankte gefährlich.






Der Angler schrie etwas von „Diebstahl“, Patrik von „Lärmbelästigung“, und in
dem Handgemenge verwickelte sich die Angelschnur um den Hals des Mannes, der
daraufhin wild mit den Armen um sich schlug und ganz rot im Gesicht wurde.
Patrik lachte höhnisch und schrie ihn an, dass er nun ein richtiges Problem hätte,
um das er sich kümmern könne, anstatt hier unschuldige Leute zu belästigen.
Das Wort unschuldig wiederholte der Angler noch dreimal, ironisch in den dunklen
Himmel schreiend. Er verhedderte sich immer mehr, heftig nach Luft ringend, in
der Schnur. Sein Boot schaukelte. Und obwohl er es als Angler besser hätte wissen
müssen – platsch - kippte er rücklings in den See. Hoppla aber auch!
„Wir müssen ihn da rausholen!“, rief ich.
„Pff. Der Typ kann doch bestimmt schwimmen.“
Ich schnappte mir die Ruder und versuchte hektisch, unser Boot zu drehen, ich
stellte mich sehr ungeschickt an.
„Ach komm, der wird schon wieder auftauchen“, versuchte Patrik mich zu
beruhigen.
„Schatz, du musst nach ihm tauchen!“
„Bist du wahnsinnig? Im Dunkeln? Ich? Der ist viel jünger als ich!“
Ich hatte es geschafft, unser Boot zu drehen. Mit aller Kraft stieß ich die Paddel in
die Tiefe.

„Da!“, Patrik schaute ins schwarze Wasser.
Ich drehte mich um und ließ die tropfenden Paddel wieder ins Wasser fallen. Es gab
einen dumpfen Klang.
„Ach Süße, du hättest die Paddel oben halten sollen.“
„Wieso?“
„Du hast ihm gerade den letzten Schlag auf den Kopf verpasst.“
„Ui.“
Der Angler tauchte tatsächlich nicht wieder auf. Es war sehr still über dem See. Nur
die Frösche quakten ihr romantisches Konzert, als wäre nichts geschehen. Patrik
ruderte uns kraftvoll an Land zurück. Das Boot säuberte er noch von unseren
Fingerabdrücken und zog die Tür des Anglerhäuschens hinter uns zu. „Angeln ist ein
langweiliger Sport.“
Verehrte Leserin, verehrter Leser, nicht dass Sie jetzt vielleicht annehmen, wir
hätten das Herz nicht am rechten Fleck. I wo! Diesen Baggersee werden Patrik und
ich nun auch nicht mehr aufsuchen können, nach all dem, was dort passiert ist.
Nächstes Jahr wollen wir uns in dem Wellness Hotel wiedertreffen. Ich hoffe, dass
wir da nicht von einem Bademeister gestört werden! Noch ein Hoppla muss
wirklich nicht sein.
Auch wenn es zu wenig ist, was wir voneinander haben, so bin ich doch dankbar für
jede Stunde, die ich mit Patrik teilen kann. Ich kann damit leben, dass wir nur auf
diese Art ein Paar sind, und ich bin sehr glücklich, dass er trotz unserer Liebe ein
gutes Leben mit der blöden Simone führt. Ich könnte jedoch niemals damit leben,
wenn er nicht mehr auf dieser Welt wäre. Ich muss wissen, dass er irgendwo auf
dieser Erde ist. Wir werden älter. Meinen Tod würde er vor Gram kaum verwinden
können, das weiß ich.
Ich liebe ihn so sehr, dass ich mir wünsche, irgendwann nach ihm sterben zu
dürfen.

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